Mi
09
Feb
2011
Protestieren vs. Ignorieren
In einer paar Tagen werden viele tausend Nazis wieder nach Dresden Pilgern, um zu demonstieren. Wieder einmal nähert sich der 13. Februar, an dem die Luftangriffe auf Dresden ihren traurigen Jahrestag feiern. Für Nazis ein Grund, ihrem Ärger darüber Luft zu machen und jährlich die größte rechte Demonstration Europas anzuzetteln.
In den letzten Jahren gab es deswegen auch vermehrt Gegendemonstrationen. Die wohl größte Gegendemo, obwohl nicht offiziell als Gegendemo ausgeschrieben, ist sicherlich die Menschenkette, die quer durch die Stadt geht. Weiterhin gab es in den letzten Jahren auch Mahnwachen, die sich speziell gegen die Demonstrationen von Rechts wandten. Speziell die Sitzblockaden, bei denen die Polizei im letzten Jahr nicht eingriff, sorgte bei Gerichten und auch den Rechten für Kritik. Schließlich sollte damit ein Teil der Demonstrationen verhindert werden. Im Wesentlichen ernteten diese Proteste großes Lob von Politikern, aber gaben gleichzeitig wieder Anlass zur Kritik. Eine Klage vor dem Amtsgericht Dresden der Rechten war erfolgreich. Die Sitzblockaden hätten aus dem Weg geräumt werden müssen. Genau das tat die Polizei im letzten Jahr nicht.
Doch die Frage ist: Was ist angesichts der Proteste wirklich sinnvoll? Ist es wirklich der komplette Widerstand oder sollten wir die Proteste der Rechten lieber ignorieren. Eine Entwicklung, die ich seit ein paar Jahren beobachtet habe: Je mehr die Rechten mit Kritik in der Öffentlichkeit stehen, desto mehr Zuspruch bekommen sie - zumindest im spiegelt sich das ein Stück in den Wahlergebnissen der letzten Jahre wider. Man mag meinen, die Deutschen seien aufgeklärt, aber anscheinend gibt es immer noch genug Zuspruch für eine radikale Botschaft, wie sie die braune Fraktion vertritt. Durch die Berichterstattung in Fernsehen und Radio wird nämlich automatisch die Botschaft der Rechtsradikalen transportiert. Die Gegendemonstrationen begünstigen außerdem vielleicht, dass eine umfassende Berichterstattung stattfindet. Somit hätten die Rechten ihr Ziel erreicht. Ich will nicht sagen, dass man kein Zeichen gegen Rechts setzen soll, vielleicht kann dies aber auch in einer Ignoranz der Medien, als auch der Bevölkerung gegenüber den Rechten passieren, die eben dann nicht zu Gegendemos aufrufen oder vielleicht auch eben nicht von diesem Ereignis berichten. Zumindest würde sich dann die Botschaft etwas weniger verbreiten aus meiner Sicht. Unbeobachtet dürften die Proteste natürlich nicht bleiben, schließlich muss trotz der Ignoranz beobachtet werden, ob es irgendwelche besonderen Vorkommnisse gibt oder auch, welche neuen Botschaften die Rechte Fraktion der Bevölkerung mitzuteilen hat. Das zumindest wäre im Rahmen des Guten. Vielleicht sollten wir ein Testjahr einlegen und schauen, wie sich das Ganze auswirkt. Vielleicht ist dies auch eine Maßnahme, um eben genau das Ziel zu erreichen, was die Bevölkerung und auch die Politik verfolgt - nämlich den Naziaufmarsch einzudämmen.
Sollte man lieber demonstrieren oder ignorieren? Ich freu mich auf eure Kommentare!
Kommentare: 9
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#1
Eine Trennung von Staat und Politik ist nötig. Das bedeutet meiner Ansicht nach, dass es wichtig ist die Staatsorgane nicht in Zwangslagen zu manövrieren, die ihn dann bei der Durchsetzung der staatlichen Gewalt lähmen. Dies genau geschieht bei den Aktionen gegen Rechts. Darum ist es sicher besser, nicht auf Konfrontation zu gehen. Die Köpfe der Menschen gilt es im täglichen Leben zu erreichen und nicht nur zu solchen speziellen Anlässen. Wenn die Menschen in ihrer Mehrheit mental gegen etwas sind, wird es auch nicht in Erscheinung treten.
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#2
Diesen Standpunkt find ich vollkommen richtig, denn wir sind mittlerweile ein Stück dazu übergegangen, alles nur in speziellen Anlässen zu regeln. Ich glaube wir müssen lernen, auch im alltäglichen dagegen vorzugehen. Was schlägst du vor? Parteiverbot? Oder etwas ganz Anderes?
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#3
Parteiverbot finde ich in einer Zeit der Meinungsfreiheit ein recht unbrauchbares Mittel. Es kommt eher darauf an, im täglichen Leben aktiv zu sein und mit seiner eigenen Person seinen Beitrag zu leisten. Selber sollte man auf seine Umgebung mit seiner Meinung und seiner Tat ausstrahlen und sich nicht hinter dem Alibi "keine Zeit" und "kein Interesse" verstecken. Ich bin selbst Gemeinderat und weis wovon ich spreche. Menschen werden in der heutigen Zeit immer nur dann aktiv, wenn es sie unmittelbar oder ihre Familie betrifft. Ansonsten ziehen sich die Menschen in ihre Anonymität zurück. Das gelingt in den Großstädten viel besser als auf dem Land, wo jeder jeden kennt. Darum als Antwort auf Deine Frage, ist es besser die Nähe Anderer zu suchen , sich mit Ihnen unterhalten, sich kennenlernen, miteinander feiern, miteinander leiden und nicht einfach eine andere wenn auch falsche Meinung (Partei) verbieten.
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#4
In der Weimarer Republik wurde die extreme Rechte auch zuerst nicht ernst genommen. Als sie sich mit der SA einen Schlägertrupp organisiert hatte, musste man zumindest mit ihr rechnen. In der wirtschaftlichen Notlage wurden ihre Parolen zunehmend gehört. Den Rest der Geschichte kennen wir.
Es gibt Lehren aus dieser Zeit: Das zarte Pflänzchen des Rechtsextremismus muss bekämpft werden, selbst wenn und solange es noch klein ist. Auch jetzt haben wir wieder rechte Schlägertrupps, auch jetzt ziehen die Brüder wieder durch die Straße, auch jetzt sitzen sie wieder im Parlament. Die Pflanze ist schon viel zu groß geworden. Umso mehr ein Grund, nicht den gleichen Fehler zu begehen wie seinerzeit, sondern jegliche braune Umtriebe konsequent zu bekämpfen und deutlich zu machen, dass die übergroße Mehrheit der Gesellschaft nichts davon hält. Und der NPD muss das Licht ausgeknipst werden. Gerade wir Deutsche sollten nicht mal mehr daran denken, das Problem einfach totschweigen zu wollen. Wir haben die Pflicht, uns und andere vor den geistigen Kindern der Mörder zu schützen.
Dass rechte Parolen verfangen, sieht man schon an der Resonanz auf das Sarrazin-Buch. Umso mehr wollen wir mit der Menschenkette eine andere Meinung demonstrieren. Wer aus der Geschichte nichts gelernt hat, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. -
#5
Michael mag Recht haben mit dem Slogan "Rechtsextremismus muß bekämpft werden", aber das trifft es nicht ganz. Genauso sollte Linksextremismus in unserer Gesellschaft keinen Platz finden. Es ist gefährlich Linksextremismus zu dulden, nur um ein gutes Gewissen zu haben, etwas gegen Rechts getan zu haben. Viel wichtiger ist es auf die einzelnen Individuen zuzugehen und mit ihnen zu kommunizieren, nicht aber mit der Wiederholung der Vergangenheit zu drohen.
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#6
Wir brauchen, wenn ich eure Kommentare also mal zusammenfassen darf eine starke Mitte. Bloß wo bekommen wir die her? Es wird ja gerade jetzt immer unpopulärer, die großen Parteien zu wählen, weil sie eben aus Sicht des Bürgers zweifelhafte Entscheidungen treffen, beziehungsweise ihre Entscheidungen nur schlecht verkaufen können. Die Rechten haben dagegen einfache Slogans, einfache Grundsätze, die jeder Otto-Normal-Bürger versteht, worin wahrscheinlich auch ihre Stärke liegt. Sie werben nunmal aus der Sicht des Bürgers. Vielleicht sollten die etablierten Parteien auch wieder mehr aus Sicht des Bürgers werben und somit rechte Tendenzen unterbinden.
Ich werde denke leider aufgrund meiner Arbeit nicht demonstieren können. Ich finde aber alle Kommentare, die von euch gekommen sind gut, um den Blick für die Rechten zu schärfen. Deswegen vielen Dank für eure Meinungen. Natürlich dürft ihr weiterposten und ich werde mich auch weiter an dieser Diskussion beteiligen. -
#7
Sicher ist Extremismus jeder Art zu bekämpfen. Wir brauchen keinen neuen Stalinismus mehr. Und auch keine Anarchisten, die den Staat an sich ablehnen und bekämpfen. Kommunikation sollte immer an erster Stelle stehen, aber es gibt den Punkt, da muss man aufhören, zu reden. Den finde ich im Fall der NPD schon lange erreicht. Diese Gruppierung hat konkrete Ziele, die sie auch ganz konkret verfolgt. Was will man dort mit Kommunikation erreichen? Was ist denn noch nicht in dieser Hinsicht versucht worden?
Eine Menschenkette, durch die die Gesellschaft ausdrückt, was sie von Rechtsextremismus hält, ist auch eine Art der Kommunikation. Damit wird deutlich gemacht, dass die Phantasien der Rechten, eine Neuausgabe der NS-Herrschaft aufzurichten, am Volk selbst scheitern müssen.
In einer Demokratie ist es nicht nur Aufgabe der Parteien, dem Volk die Politik zu erklären. Jeder kann mitmachen. Warum sind weniger als zwei Millionen Menschen in unserem 80-Millionen-Menschen-Land Mitglied einer Partei? Eine Demokratie kann nur genauso gut sein wie das politische Engagement ihrer Bürger. Und deren Bildung. Aber es stimmt schon, auch die Volksparteien sollten mehr für die Aufklärung tun und ihre Politik besser erklären, wenn sich die Bürger in der Hinsicht schon nicht selbst helfen.
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#8
Ist es nicht ein Ausdruck von Ohnmacht, wenn man dahergeht und die, die nicht so sind, wie es die allgemeine Norm vorschreibt, einfach verbieten will ? Damit ist niemandem geholfen. Unter der Oberfläche wird weitergearbeitet und dann ist es noch viel schwieriger diese Dinge zu erkennen und dagegen zu argumentieren. Solange durch diese Organisationen keine Gewalt ausgeübt wird, ist es falsch, selbst als Erster Gewalt anzuwenden. Ich meine, dass es diese Organisationen gibt, hat Gründe. Diese sollte man schleunigst herausfinden und deren Argumentationen das Wasser abgraben. Menschenketten als Symbol der Einheit finde ich gut, aber Sitzblockaden und andere Arten von zivilem Ungehorsam sind nicht in Ordnung (Beispiel Stuttgart 21). Jeder kann bei der Demokratie mitmachen, das ist richtig, aber es müssen die "Spielregeln" eingehalten werden.
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#9
„Habt nicht lieb die Welt noch, was in der Welt ist. Wenn jemand die Welt selbst lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters.“ (1 Johannes 2,15)
Mich würde aber interessieren, ob sich Adventisten einmischen sollten? Ich meine wir sind nicht von dieser Welt, in wie weit geht uns das etwas an?

Christoph Till